die schrittmacher im Interview: Menschen aktiv an Online-Events beteiligen

                       Inspirierende Ruhe: Innovative Ideen schießen dem Event-Profi Sebastian Bohner gerne auch mal in luftiger Höhe in den Kopf.

Gespräch mit dem Junior-Projektleiter Sebastian Bohner (24). Die Themen: Was zeichnet digitale Events aus? Was sollten junge Leute für die Event-Branche mitbringen? Wie könnte die Schule besser auf die heutige Medienwelt vorbereiten?

Herr Bohner, Sie arbeiten in einer Event- Agentur – und damit in einer Branche, die seit letztem Jahr klinisch tot ist. Wie hat Ihre Agentur überlebt?

Sebastian Bohner: Unsere Veranstaltungen fangen beim klassischen Team-Event an, bei dem es um Spaß geht, und die Mitarbeiter sich besser kennen lernen. Natürlich geht es dabei auch um eine Belohnung für gute Leistungen. Dabei sind unsere Events nach oben skalierbar, bis zu anspruchsvollen Meetings oder Großveranstaltungen mit Keynote-Speakern. Als Junior-Projektleiter habe ich in den vergangenen drei Jahren gelernt, wie ich geschickt mit Kunden umgehe, ihre Wünsche aufnehme und eine realistische Beratung mache. Und jetzt? Wir sind im Jahr 2021, das heißt anderthalb Jahre von der Pandemie gebeutelt. Daher mussten wir in das Thema digitale und hybride Veranstaltungen einsteigen.

Das Interview führte:

– Wissenschaft wurde zur Grundlage für guten Journalismus. In den vergangenen Jahren kam ein großes Thema dazu, die digitale Transformation der Gesellschaft. So hat Ingo Leipner als (Co-) Autor mehrere Bücher für große Verlage geschrieben, zuletzt über „Die Katastrophe der digitalen Bildung“.

EcoWords

Ingo LeipnerDiplom-Volkswirt, Wirtschaftsjournalist und Inhaber der Textagentur „EcoWords“

Da konnten Sie sich viel Spezialwissen aneignen, das auch ohne Corona einen hohen Wert hat.

Bohner: Richtig. Die Grundlage unserer Arbeit ist es, dass sich Menschen treffen. Die Kompetenz für digitale Events mussten wir erst aufbauen, weil für den Erfolg dieser Veranstaltungen viele Voraussetzungen zu erfüllen sind. Die Hürden zur Teilnahme dürfen auf keinen Fall zu hoch sein, weil sonst die User im Internet gleich weg sind. So haben wir neue Ideen und Konzepte überlegt, um Menschen digital wirklich zu verbinden.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen bei einem Online-Event, damit er erfolgreich ist?

Bohner: Solche digitalen Events laufen ganz anders ab als physische Veranstaltungen, an erster Stelle muss immer die Interaktion mit den Teilnehmern stehen. Wir sollten die Menschen aktiv an Online-Events beteiligen, so dass sie das Programm selbst mitgestalten können. Da gibt es zum Beispiel Techniken der „Gamification“, also der spielerischen Verbindung zwischen Veranstaltern und Teilnehmern. Es bieten sich Quiz-Sequenzen an, oder Themen lassen sich „on demand“ gestalten. So beziehen wir die Teilnehmer schon bei der Gestaltung der Veranstaltung ein.

Gibt es weitere wichtige Punkte?

Bohner: Ja. Die Technik! Sie sollte für die Teilnehmer so kinderleicht sein, dass sie kein Studium der Informatik absolviert haben müssen, um beim Online-Event dabei zu sein. Wir müssen sehr einfache Zugänge über Rechner oder Smartphone möglich machen. Seitens der Veranstalter kann die Technik anspruchsvoll ausfallen, denn es ist ein hoher Aufwand nötig, um interaktiv erfolgreich zu sein. Schließlich ist eine kla- re Kommunikation auf Augenhöhe nötig. Welche Botschaft wollen wir senden? Wie kann ich sie so verpacken, dass sie bei den Teilnehmern ankommt? Relevanz ist dabei eine entscheidende Frage. Da müssen wir alle Informationen gut filtern, damit wir keine Nebensächlichkeiten transportieren.

Sie haben in der Pandemie Höhen und Tiefen der Event-Branche erlebt – bis hin zu Online-Events, die das Geschäftsmodell sicher zu einem erheblichen Teil gerettet haben. Was sollten Schulabgänger an Qualifikationen und Eigenschaften mitbringen, um in dieser Branche erfolgreich zu sein?

Bohner: Auf jeden Fall Neugier auf neue Erfahrungen! Dazu kommt der Mut, etwas einfach auszuprobieren. Natürlich nicht in allen Bereichen des Jobs. Wir sollten uns aber immer Gedanken machen und innovative Ideen entwickeln. Das hat sich gerade in der Pandemie ausgezahlt. Natürlich sollten Schulabgänger eine gewisse Empathie mitbringen, um die Leute abzuholen, wo sie stehen. Es geht ja immer darum, die Wünsche des Kunden in umsetzbare Konzepte zu übertragen. Wir wirken wie ein Katalysator: Eine Idee kommt zur Sprache, noch völlig ohne Form – und wir entwickeln daraus ein tragfähiges Konzept. Als junger Mensch brauchst Du dafür eine bestimmte Beharrlichkeit, neben Neugier und Kreativität. Es gibt immer Situationen, in denen wir beharrlich am Ball bleiben sollten, etwa wenn Kollegen und Kunden am Anfang Bedenken äußern. Durch gute Argumente und praktikable Lösungsansätze lässt sich manche Skepsis entkräften, dazu müssen wir aber auch Beharrlichkeit beweisen. Wir sollten einfach versuchen, die Menschen zu überzeugen, indem wir Begeisterung wecken. Das ist echte Kommunikation.

Aber Beharrlichkeit? Das klingt ziemlich „old school“. Warum ist diese Fähigkeit auch in Ihrer Generation von Bedeutung?

Bohner: Ja sicher, Beharrlichkeit spielt für mich eine große Rolle, auch wenn Sie gerade mit einem 24-jährigen Digital Native sprechen, der mit Smartphones, Tablets und Internet groß geworden ist. Beharrlichkeit ist gerade im Umgang mit älteren Generationen wichtig, weil ihre Bedenken gegenüber digitalen Lösungen schwerer wiegen als in meiner Generation. Oft sind die Hürden viel höher, und einige Leute lehnen digitalisierte Prozesse einfach ab. Ich habe den Eindruck: Ältere Menschen sind es viel mehr gewohnt, alle Fäden in der Hand zu halten. Genau das funktioniert bei digitalen Tools nicht mehr so einfach. Wir haben diese oft undurchschaubare Infrastruktur – und der müssen wir in großen Teilen vertrauen.

„Auf keinen Fall will ich behaupten, dass alle Menschen ab 40 keine Kompetenz im digitalen Bereich haben.“

Wir haben es also mit einem Generationsproblem zu tun?

Bohner: Auf keinen Fall will ich behaupten, dass alle Menschen ab 40 keine Kompetenzen im digitalen Bereich haben. Doch die Lernkurve junger Menschen kann viel steiler ausfallen, auch die Neugier ausgeprägter sein. Ältere orientieren sich vielleicht öfter am Motto „Never change a running system“. Dieses Denken kann die Innovationsbereitschaft junger Menschen bremsen. Aber: Mit Beharrlichkeit meine ich auch, dass wir solche Bedenken immer ernst nehmen und nicht wegwischen. Augenhöhe ist entscheidend.

Wenn Sie jetzt auf Ihre Zeit als Schüler zu- rückschauen, hat die Schule Sie gut auf den jetzigen Job vorbereitet?

Bohner: Ich bin gerne in die Schule gegangen, aber ich würde sagen, so richtig hat sie mich nicht auf den Job vorbereitet. Ich war schon immer sehr neugierig und hatte eine hohe Affinität zur Technik, vor allem habe ich früh kreative Ideen entwickelt. Dabei wollte ich gerne Menschen, Kreativität und Technik zusammenbringen. Das haben wir nicht unbedingt in der Schule gelernt.

Dann lassen Sie uns einmal ein neues Schulfach erfinden. Ein Fach, das auf die Medienwelt von heute vorbereitet. Haben Sie Ideen dazu?

Bohner: Das Thema Medienbildung ist wichtig – und für den Event-Manager geht es eben sehr viel um Kommunikation. Junge Leute sollte heute sehr trainiert sein, genau zu filtern: Was ist Werbung, und was ist authentisch gemeint. Bei der Medienbildung stehen auch Nachrichten im Mittelpunkt. Wir müssen lernen, Fake News von realen Erfahrungen zu unterscheiden. Wir müssen die Menschen dafür sensibilisieren für die Macht, Arbeitsweise und wichtige Rolle der Medien in unserer Gesellschaft. Kreativität ist auch gefragt, im Sinne von Medien-Design. Wie lassen sich Social-Media-Beiträge entwickeln oder Bewegtbild und Audio verknüpfen? Als eigenes Modul eignet sich vielleicht noch „Storytelling“: Wie erzählen wir eine spannende Geschichte zu unserer Botschaft? Optional würde ich als Inhalt für Technik-Interessierte Streaming- und Videotechnik vorschlagen, sowie den Umgang mit dem „Green Screen“. Wichtig wäre auch zu üben, mit einer Software für Audio- und Videoschnitt zu arbeiten. Auf Englisch würde ich das Fach wahrscheinlich „Creative Media Production“ nennen.

Sebastian Bohner